Im Markt sorgen unterschiedliche Begrifflichkeiten rund um den sogenannten Produktpass und dessen unterschiedliche Ausprägungen für eine große Verwirrung bei Industrie und Handel. Der Begriff wird seit Jahren in Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftskontexten genutzt, ist aber nicht einheitlich gesetzlich definiert. Er beschreibt eher das Konzept, Informationen strukturiert entlang des Lebenszyklus eines Produktes bereitzustellen. Im Folgenden wird aufgezeigt, welche Inhalte und welche Vorgaben sich hinter welcher Begrifflichkeit verbergen und wie die Anforderung „Produktpass“ mittels IT optimal umgesetzt werden kann.
Definition: Produktpass, Digitaler Produktpass (DPP) und Materialpass sind Konzepte zur strukturierten Bereitstellung von Produktdaten entlang des gesamten Lebenszyklus.
Wen betrifft es? Alle Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette – insbesondere Hersteller, Händler und Recycler.
Was ist die Lösung? Der Digitale Produktpass (DPP) wird als EU-Standard eingeführt und bildet die zentrale Grundlage für Transparenz und Kreislaufwirtschaft.
Evidenz: Die EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR, 2024) macht den DPP künftig verpflichtend für viele Produktgruppen.
Produktpass: Ansatz und Konzept einer gelebten Circular Economy?
Die oberste Ebene der Pässe bildet der Produktpass. Der Produktpass ist – allgemein gesprochen – ein übergeordneter, informationshaltiger Datensatz zu einem Produkt. Er dient dazu, Transparenz über Herkunft, Zusammensetzung, Nutzung, Reparierbarkeit und Entsorgung zu schaffen. Hierbei basiert der Produktpass auf keinerlei spezifischer Gesetzgebung. Vielmehr orientiert er sich an dem Prinzip der Circular Economy, der Nachhaltigkeitsberichterstattung, der Ökodesign-Verordnung, sowie weiteren themenspezifischen europäischen Normen. Der Produktpass ist somit für alle Unternehmen und Branchen relevant.
Typische Inhalte eines Produktpasses sind:
- eine eindeutige Produktkennung
- Herstellerinformationen
- Hinweise zur Zusammensetzung (Stoffe, Materialien)
- Umweltinformationen (z. B. CO₂-Footprint)
- Nutzungs- & Wartungshinweise
- End-of-life-Informationen (Recycling, Rücknahme)
Digitaler Produktpass: EU-weiter Standard gemäß Ökodesign-Verordnung
Allen voran ist der Digitale Produktpass („Digital Product Passport“, DPP) Gegenstand in vielen Publikationen und formuliert weitreichende Anforderungen – wobei es oftmals nicht klar ist, in welchem Kontext diese gesetzt werden und wie die konkrete Umsetzung in der Praxis auszusehen hat. Der Digitale Produktpass ist die EU-weit standardisierte, digitale Weiterentwicklung des Produktpasses. Er wird künftig für viele Produktgruppen verpflichtend sein. Zentrale Rechtsgrundlage hierfür ist die EU-Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) – offiziell: Regulation (EU) 2024/1781, welche Mitte 2024 in Kraft getreten ist und die Pflicht zum DPP festlegt.
Technisch muss der Digitale Produktpass folgendermaßen ausgestaltet sein:
- digital abrufbar (z. B. über QR-Code),
- maschinenlesbar + menschenlesbare Daten in standardisiertem Format,
- mit rollenbasierten Zugriffsrechten (öffentlich / eingeschränkt).
Inhaltlich gliedert sich der DDP als digitales Ökosystem allgemein in die Kategorien:
- Produktidentität (Eindeutige ID, Modell, Version)
- Hersteller- und Lieferketteninformationen
- Material- und Stoffinformationen (einschl. besorgniserregende Stoffe)
- Nachhaltigkeitskennzahlen (CO₂-Bilanz, Haltbarkeit etc.)
- Reparierbarkeit
- Ersatzteile
- Wartung
- Demontageinformationen für Recycler
- End-of-Life-Anweisungen, Konformitätsinformationen (z. B. Normen, Zertifikate)
Herausforderung für die Unternehmen ist es, dass die Ökodesign-Verordnung lediglich ein EU-Rahmengesetz ist. Damit sie produktbezogen rechtlich wirksam wird, muss ein mehrstufiges Verfahren durchlaufen werden. Entscheidend ist: Die Verordnung selbst gilt unmittelbar, aber verpflichtend wird sie erst durch produktbezogene delegierte Rechtsakte bzw. Durchführungsrechtsakte. Da die spezifischen Anforderungen unterschiedlich gestaltet sein können, wird es für jede Produktgruppe, z. B. für Batterien, Textilien, Möbel, Elektronikgeräte oder Stahl/Aluminium/Kunststoffe, einen delegierten Rechtsakt geben.
Hierbei geht es nicht nur um die Festlegung produktspezifischer DPP-Inhalte, sondern auch um Übergangsfristen bei der Umsetzung sowie die Detailtiefe der einzelnen Informationen. Für Batterien ist dies bereits mit der Batterieverordnung geschehen, während als nächstes für Textilien, Möbel und Elektrogeräte solche Rechtsakte in den nächsten 12 Monaten erwartet werden.
Materialpass: welche Materialien sind in meinem Produkt enthalten?
Die kleinste Teilmenge das Produktpasses stellt der Materialpass dar. Der Materialpass ist ein Datensatz, der sich explizit auf die in einem Produkt enthalten Materialien konzentriert. Er fokussiert sich hierbei auf die Materialebene und betrachtet nicht das gesamte Produkt. Mittlerweile gibt es mehrere Initiativen und Forschungsprojekte, welche die Standardisierung das Materialpasses – inklusive dessen Inhaltsvorgaben – vorantreiben. Ziel des Materialpasses ist es, die Transparenz über die Materialqualität, Menge, Herkunft sowie der darin enthaltenen Substanzen und der Wiederverwendbarkeit zu erhöhen.
Wie auch schon beim Produktpass gibt es hier kein eigenes europäische Gesetz, welches den Materialpass fordert. Gleichwohl gibt es einige Vorgaben, welche den Materialpass im Kontext führen. Diese sind unter anderem:
- Circular Construction
- DGNB-Zertifizierung / Cradle-to-Cradle
- EU-Circular Economy Action Plan
- Gebäude- und Ressourcenpässe
Der Hauptfokus liegt derzeit im Bereich des Bauwesens beziehungsweise den Vorgaben des nachhaltigen Bauens, wie auch auf anderen branchengetriebenen Initiativen. Die typischen Inhalte eines Materialpasses sind:
- Materialarten und -mengen
- Herkunft und Zertifizierungen
- Toxikologische Daten
- Wiederverwendbarkeit / Recyclingfähigkeit
- CO₂-Fußabdruck pro Material
- Demontage- und Sortierinformationen
Welche Unterschiede gibt es zwischen den Begriffen?
Zusammenfassend bedeutet dies, dass lediglich der Digitale Produktpass eine potenziell rechtlich ableitbare Grundlage hat. Der allgemein gehaltene Produktpass, wie auch der Materialpass basieren lediglich auf abgeleiteten rechtlichen Verbindlichkeiten und sind eher als freiwillig anzusehen. Gleichwohl bedeutet dies nicht, dass man sich als Hersteller oder Händler hier aus der Pflicht genommen sehen kann. Beleuchtet man einmal die Punkte, die allen Pässen gemein sind, so erkennt man sehr schnell, dass die gemeinschaftlichen Anforderungen immer noch umfangreich sind und erheblichen Anstrengungen bedürfen, um die entsprechenden Daten bereitstellen zu können. Die hierfür notwendigen Prozesse und operativen Umsetzungen können mehrere Jahre in Anspruch nehmen.
Wie können die Produktpass-Anforderungen mittels Software umgesetzt werden?
Produktpass-Anforderungen lassen sich durch integrierte Softwarelösungen und Datenökosysteme effizient abbilden.
Zentrale Anforderungen sind:
- strukturierte Datenerfassung entlang des Lebenszyklus
- Integration von Lieferantendaten
- Berechnung von Nachhaltigkeitskennzahlen
- Bereitstellung standardisierter Datenformate
Moderne Systeme verbinden verschiedene Module wie CO₂-Berechnung, Recyclingbewertung und Compliance-Management in einer Plattform.
Was bedeutet die allgemeinen Anforderungen im Detail?
Die erste Anforderung, die allen Pässen gemein ist, ist die Anforderung, relevante Daten strukturiert zu erfassen und das betreffende Produkt beziehungsweise Material in seinen Kernelementen zu beschreiben. Diese sind unter anderem die Produkteigenschaften, die Produktzusammensetzung, Herkunft, Nutzungs- und Lebensdauer, wie auch End of Life-Informationen. Hierbei ist die Betrachtung nicht nur auf die Herstellung des Produktes beschränkt, sondern bezieht den gesamten Lebenszyklus mit ein – also auch die Nutzung und Wartung, die Reparatur, wie auch die Entsorgung und das Recycling.
Eine entscheidende Anforderung aller Produktpässe ist die Förderung von Kreislaufwirtschaft. Hierbei gelten die allgemeinen Vorgaben der Nachhaltigkeit, wie
- die Möglichkeit zur Wiederverwendung des Produktes,
- das Erleichtern der Reparatur,
- die Rückgewinnung der im Produkt beinhalteten Materialien beziehungsweise
- das Verbesserun von Recyclingfähigkeit durch ein vorausschauendes Produktdesign.
Ein gleichermaßen wichtiges Ziel ist es, die Transparenz zwischen den unterschiedlichen Akteuren zu verbessern. Hierzu dienen die Pässe als Kommunikationsplattform zwischen:
- Herstellern
- Händlern
- Kunden
- Reparaturbetrieben
- Recyclingunternehmen
- Behörden
Dieser Austausch soll an vielen Stellen auch bilateral geschehen, sodass z. B. der Hersteller nicht nur Informationen an einen Abfallbewirtschafter weitergeben muss, sondern diese auf der anderen Seite auch Informationen zu Beschaffenheit von Produkten und Bauteilen erhält. Mit diesen Anforderungen verfolgen alle Pässe das Ziel, die ökologischen Auswirkungen eines Produktes über seinen gesamten Produktentstehungs- wie auch Lebenszyklus zu minimieren, den Ressourcenverbrauch zu senken, Abfälle zu vermeiden, wie auch die CO₂-Emissionen zu reduzieren.
Was bedeuten die Anforderungen konkret für die Unternehmen in Europa?
Unternehmen müssen sich frühzeitig auf den Digitalen Produktpass vorbereiten, da er zur zentralen Datenbasis der Zukunft wird.
Das bedeutet konkret:
- Aufbau belastbarer Datenstrukturen
- Transparenz über Materialzusammensetzung
- Integration von Nachhaltigkeitskennzahlen
- Zusammenarbeit entlang der gesamten Lieferkette
Der DPP wird zur „Messlatte“ für alle zukünftigen Produktdaten in Europa. Für einige Produktbereiche jetzt schon verbindlich, für andere wohl in den nächsten 12 bis 18 Monaten als Vorgabe relevant.
Die Produktdaten bedürfen, soweit sie Nachhaltigkeitszielen dienen, immer der Basisinformation, aus welchen Substanzen die Werkstoffe oder Produkte bestehen. Nur mit dieser Information lassen sich nachfolgende Anforderungen wie die toxikologische Beurteilung, die Recyclingfähigkeit und Kreislauffähigkeit wie auch der CO₂-Fußabdruck erfüllen. Die Ermittlung der Kreislauffähigkeit wiederum lässt sich nur dann darstellen, wenn umfangreiche Recyclinginformationen sowie Informationen aus den Sekundärmärkten (technische Möglichkeiten und Preise) vorliegen.
DataCross: alle DPP-Anforderungen in einem System
Zur Umsetzung der unterschiedlichen Datenströme sind diverse Ökosysteme entstanden, welche die unterschiedlichsten Akteure vernetzen sollen. Wie immer, wenn verschiedene Akteure mit jeweils eigenen Interessen an einer gemeinschaftlichen Datenwelt arbeiten, sind die Abstimmungshürden bzgl. Datenschnittstellen wie auch der Datenformate hoch. Aus diesem Grund hat die tec4U-Solutions ein eigenes Ökosystem entwickelt, welches aufbauend auf den Material Compliance-Modulen von DataCross www.data-cross.de folgende weitere Funktionsmodule bzw. Applikationen beinhaltet:
- Ein CO₂-Modul co2-cloud.com zum Einholen der notwendigen Emissionswerte (SCOPE3) in der Lieferkette und zur Erstellung von Product Carbon Footprints (PCFs) nach Industriestandard (inklusive SCOPE1+2)
- Ein Rezyklatmodul für den Einsatz von Sekundärrohstoffen in Produkten
- EcoValueHub https://ecovaluehub.com/ zur Visualisierung des Demontageprozesses und zur Berechnung von Kreislauffähigkeitskennzahlen
- Ein Modul zur Abbildung des digitalen Produktpasses material-passport.de, welches über eine Webapplikation potenziellen Nutzern, je nach Berechtigung, Informationen zur Verfügung stellt.
DataCross konsolidiert die Informationen, die aus verschiedenen Quellen stammen, wie die Datenerfassung beim Lieferanten, die operative Demontage, die Auswertung und Berechnung der notwendigen Prozessdaten, bis hin zur Erstellung der notwendigen Berichte und Dateninhalte für den Digitalen Produktpass in einer einzigen Systemwelt.
Takeaways
- Der Digitale Produktpass wird in der EU verpflichtend
- Produktpässe schaffen Transparenz über den gesamten Lebenszyklus
- Materialpässe liefern die notwendige Datentiefe
- Unternehmen müssen frühzeitig Datenstrukturen aufbauen
- Softwarelösungen sind entscheidend für die Umsetzung
- Kreislaufwirtschaft ist das zentrale Ziel
- Mit DataCross werden alle Anforderungen in einem System abgebildet
Fazit & FAQs
Der Digitale Produktpass markiert einen fundamentalen Wandel im Umgang mit Produktdaten in Europa. Während der klassische Produktpass als Konzept dient und der Materialpass die Detailtiefe liefert, wird der DPP zur verbindlichen Grundlage für Transparenz, Nachhaltigkeit und regulatorische Compliance. Unternehmen, die frühzeitig in Datenstrukturen und Systeme investieren, sichern sich langfristige Wettbewerbsvorteile und erfüllen zukünftige Anforderungen effizient. DataCross von tec4U-Solutions liefert die beste Plattform, um die relevanten Daten zur Befüllung Ihres digitalen Produktpasses in der Lieferkette zu recherchieren, zu bewerten und den Digitalen Produktpass sinnvoll mit Inhalten zu füllen.
FAQ – Die wichtigsten Begriffe kurz erklärt
Was ist ein Produktpass?
Ein übergeordnetes Konzept zur Sammlung aller produktbezogenen Informationen über den gesamten Lebenszyklus.
Was ist der Digitale Produktpass (DPP)?
Ein EU-weit standardisierter, verpflichtender digitaler Datensatz für Produkte.
Was ist ein Materialpass?
Ein Datensatz mit Fokus auf Materialien und deren Eigenschaften innerhalb eines Produkts.
Ist der Produktpass verpflichtend?
Nein, nur der Digitale Produktpass wird schrittweise verpflichtend.
Warum ist der DPP wichtig?
Er schafft Transparenz, unterstützt Nachhaltigkeit und erfüllt regulatorische Anforderungen.
Wer ist betroffen?
Alle Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette – von Herstellern bis Recycler.

Gülistan Dar, Betriebswirtin (M.A.)
Gülistan Dar ist Leiterin der Abteilung Corporate Compliance bei der tec4U-Solutions GmbH, einem Anbieter von digitalen Nachhaltigkeitslösungen. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren, sowohl im Rahmen von Kundenprojekten, Prozessberatungen, Workshops als auch Schulungen mit dem Thema ESG. Schwerpunkte liegen hierbei auf der praxisnahen Umsetzung der Anforderungen von CSRD, VSME, Ökodesign (digitaler Produktpass) sowie der EU-Taxonomie-Verordnung. Sie ist Dozentin der TÜV-Kurse „Material Compliance Beauftragter“ und „CSRD-Beauftragter“, hält Fachvorträge und erstellt Fachbeiträge für Branchenmagazine.

Stefan Nieser, M.Eng., Dipl-Ing. (FH)
Stefan Nieser ist Geschäftsführer der tec4U-Solutions GmbH, einem Anbieter von digitalen Nachhaltigkeitslösungen. Seit 1992 unterstützt der Ingenieur Industrie und Handel als Experte bei der Umsetzung von Material Compliance Vorgaben und Kreislaufwirtschaft. Seine Spezialgebiete sind die Prozess- und Entwicklungsberatung sowie Compliance-Prüfungen. Er ist QM-, Gefahrgut- und Umweltbeauftragter, ehemaliger Lehrbeauftragter für Prozessdesign und Vertrieb an der HTW des Saarlandes, gefragter Referent und publiziert zahlreiche Fachbeiträge in Branchenmagazinen.







